
Vor NATO-Gipfel: Wie Trump die Fehde mit Meloni eskalieren lässt

Von Rainer Rupp
Giorgia Meloni, Italiens konservative Ministerpräsidentin seit 2022, galt lange als "Europas Trump-Flüsterin". Sie teilte nationalistische Rhetorik, traf ihn in Mar-a-Lago, war die einzige europäische Spitzenpolitikerin bei seiner Amtseinführung im Januar 2025 und erntete 2025 überschwängliches Lob: Trump nannte sie eine "großartige Ministerpräsidentin", die "fantastische Arbeit" leiste, und eine "Freundin". Ihr Treffen im Weißen Haus im April 2025 drehte sich um wirtschaftliche Deals und ideologische Nähe.
Doch 2026 kippte alles
Der Wendepunkt war Trumps Kritik am Papst und am Iran-Krieg. Nachdem Papst Leo XIV. die US-israelische Militäroperation gegen Iran kritisiert und zum Frieden aufgerufen hatte, attackierte Trump den Pontifex in den sozialen Medien als "WEAK on Crime" ("Schwächling gegen die Kriminalität") und warf ihm vor, Iran in der Atomwaffenfrage zu schonen. Meloni reagierte scharf: Trumps Äußerungen seien "inakzeptabel". Sie bekundete "volle Solidarität mit dem Papst" und betonte, es sei selbstverständlich, dass sich religiöse Führer für den Frieden einsetzten. Sie dürften deshalb nicht von Politikern kritisiert oder dirigiert werden.

Trump konterte umgehend: Meloni sei "inakzeptabel" und habe "keinen Mut". Sie kümmere sich nicht darum, "ob Iran eine Atombombe hat und Italien in zwei Minuten in die Luft jagen könnte". In einem Interview mit dem Corriere della Sera giftete er: "Ich dachte, sie hätte Mut – ich lag falsch."
Italien verweigerte US-Bombern die Nutzung eines sizilianischen Luftwaffenstützpunkts für den brutalen, unprovozierten, völkerrechtswidrigen US-Angriffskrieg gegen Iran, den westliche Medien verharmlosend Operation "Epic Fury" nennen, und lehnte Truppenentsendungen ohne UN-Mandat ab. Wegen des israelischen Genozids in Gaza suspendierte Meloni Teile des Verteidigungsabkommens mit Israel. Trump kritisierte das öffentlich als mangelnde Unterstützung.
Der G7-Foto-Skandal – und Trumps nächster Tiefschlag gegen Meloni
Beim G7-Gipfel in Frankreich im Juni 2026 eskalierte der Konflikt weiter. Trump behauptete in einem Interview mit dem italienischen Sender La7, Meloni habe "wieder und wieder um ein Foto mit ihm gebettelt", und er habe es ihr nur aus Mitleid gewährt, weil sie in Italien so schlecht dastehe. Auf seinem Internetkanal Truth Social legte er nach: Sie wolle jetzt wieder "Freunde sein", um ihre Popularität zu retten.
Meloni konterte in einem Video mit klaren Worten:
"Donald Trumps Aussagen sind komplett erfunden. Ich bin ehrlich schockiert. Ich weiß nicht, warum sich der Präsident der Vereinigten Staaten so gegenüber seinen eigenen Verbündeten verhält. Italien und ich betteln nicht."
Sie nannte die Attacken "sinnlos" und "ständige, unprovozierte Angriffe". Zur Popularität schoss sie zurück:
"Was meine Popularität angeht – dass du mein Freund bist, hat ihr ganz sicher nicht geholfen. Sie hängt auch nicht von meiner Beziehung zu dir ab. Meine Popularität geht dich nichts an. Ich schlage vor, du kümmerst dich um deine eigene."
Trumps jüngste Eskalation
Nur wenige Tage vor dem NATO-Gipfel in Ankara am 7. und 8. Juli legte Trump noch einmal nach. Auf Truth Social veröffentlichte er ein KI-manipuliertes Bild, auf dem Meloni ihn anhimmelt wie ein Groupie einen Rockstar, versehen mit der reißerischen Bildüberschrift "Restraining order needed" ("Unterlassungsverfügung erforderlich"). Ein direkter, höhnischer Seitenhieb gegen Meloni. Die italienische Regierungschefin hat bisher nicht direkt darauf reagiert – wahrscheinlich, um eine weitere Eskalation zu vermeiden.
Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto gab sich gelassen: "Menschen kommen und gehen, aber Beziehungen zwischen Staaten müssen Bestand haben." Außenminister Antonio Tajani zeigte sich optimistisch: Er sei "sicher, dass die transatlantischen Beziehungen weit über einzelne Kommentare hinausgehen."
Dennoch war und ist diese von Trump vom Zaun gebrochene Beleidigungsorgie nicht ohne Einfluss auf die italienische US-Politik.
- Militärisch ist hier die Weigerung Italiens zu nennen, den USA die Nutzung eines gemeinsam genutzten sizilianischen Stützpunkts für Militärangriffe gegen Iran zu gestatten. Das zeigt, dass Rom seine nationale Souveränität und die innenpolitische Stimmung (Italien ist kriegsmüde) über blinden Bündnisgehorsam stellt, wie ihn die US-Vasallen in Berlin praktizieren.
- Im Bereich Handel und Zölle versucht Trump, speziell Italien zu treffen. Das geht jedoch nicht, denn im Außenhandel hat Italien – ebenso wie andere EU-Länder – seine nationale Souveränität an die EU-Kommission in Brüssel abgetreten. Trumps Zölle, etwa auf Stahl, Aluminium und andere Waren, treffen daher die EU insgesamt, die mit Trump verhandeln muss. Meloni versuchte gleichzeitig, in anderen Bereichen die Beziehungen zu den USA zu verbessern, was jedoch durch den tiefen persönlichen Graben zwischen ihr und Trump nicht einfach ist.
- Diplomatisch hat es gegenseitig abgesagte Besuche gegeben, und Melonis einstiges Image als europäische Brückenbauerin zu Trump ist dahin. Die einstigen "besonderen Beziehungen" sind zu einer öffentlichen Schlammschlacht geworden – mit realen Folgen für Militärkooperation, Handelsgespräche und den Bündniszusammenhalt.
Der aktuelle NATO-Gipfel in Ankara wird Trump und Meloni in unmittelbare Nähe zueinander bringen, inklusive Gruppenfoto. Man darf gespannt sein, ob es den beiden Kontrahenten gelingt, der Öffentlichkeit eine starke, unverbrüchliche Allianz vorzuspielen.
Aber Meloni war bei Weitem nicht die erste Staatschefin, die von Trump öffentlich beleidigt wurde. Sie war allerdings die Erste, die zurückschlug. Trump hat eine lange Liste persönlicher Spannungen und verbaler Beleidigungen gegen andere NATO-Staats- und Regierungschefs vorzuweisen.
- Angela Merkel: Trump nannte Deutschland ein "von Russland eingefangenes Gebiet" ("captured country"). In Telefonaten soll er sie laut Berichten als "dumm" ("stupid") bezeichnet und ihr Korruption vorgeworfen haben, nämlich in der "russischen Tasche" zu stecken. Begleitet wurde das von unverschämten Briefen mit der Forderung an Deutschland, mehr für die Rüstung auszugeben, die natürlich vornehmlich in den USA gekauft werden sollte.
- Theresa May: Die britische Premierministerin beschimpfte Trump als "schwach" ("weak"), der es an "Mut mangelte" ("lacking courage"). Öffentlich kritisierte er ihr Brexit-Vorgehen als "sehr unglücklich".
- Emmanuel Macron: Beim NATO-Gipfel 2019 in London nannte Macron die Allianz "hirntot". Trump konterte: "Das ist sehr beleidigend" und ein "sehr, sehr übler Kommentar". Er warf Macron vor, die NATO sprengen zu wollen, und attackierte die französische Wirtschaft.
- Justin Trudeau: Ein Hot-Mic-Video (eine Aufnahme einer versehentlich nicht abgeschalteten Kamera) zeigte Trudeau beim selben Gipfel, wie er sich mit Macron und dem britischen Premierminister Boris Johnson über Trump lustig machte. Trump antwortete: "Er ist doppelzüngig." Schon 2018 hatte er Trudeau als "sehr unehrlich und schwach" ("very dishonest and weak") bezeichnet.
Trump drohte mehrfach mit einem NATO-Austritt, nannte das Bündnis anfangs "obsolete" (überholt) und kritisierte die Verbündeten pauschal als "undankbar" und zu sparsam. Auch 2026 wetterte er erneut: Die Alliierten hätten sich in Afghanistan "zurückgehalten", und die USA hätten die NATO eigentlich nie wirklich gebraucht.
Fazit: Innerhalb der NATO hat Trump erreicht, dass die politischen Beziehungen zwischen den Mitgliedstaaten zu einem toxischen Mix aus persönlichen Beleidigungen, strategischen Differenzen und diplomatischen Kollateralschäden geworden sind. Unmittelbar vor dem NATO-Gipfel in Ankara zeigt Trumps jüngste "Restraining-Order"-Attacke, dass die Fehde noch lange nicht vorbei ist. Da kann der niederländische NATO-Generalsekretär noch so kriecherisch versuchen, sich bei Trump einzuschmeicheln, indem er ihn den "Daddy der NATO" nennt.
Mehr zum Thema – Reuters: Trump wird sich mit Selenskij beim NATO-Gipfel in Ankara treffen
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