Unverschämtheit par excellence: Warum Selenskij Trump brüskiert

Trump könnte versuchen, den Konflikt mit Selenskij zu entschärfen und dessen unverschämtes Auftreten zu ignorieren. Doch in diesem Fall würde Trump genau jenen Fehler begehen, den der Chef des Kiewer Regimes bewusst vermeidet.

Von Geworg Mirsajan

"Selenskij muss gehen." Vor anderthalb Jahren meinte Trump damit noch, dieser solle "das Weiße Haus verlassen", nachdem er sich gegenüber Vizepräsident J. D. Vance unverschämt verhalten hatte. Heute fordert er Selenskij damit auf, zurückzutreten und den Stuhl des Präsidenten zu räumen.

"Die Ukraine braucht einen neuen Anführer, der in der Lage ist, Deals abzuschließen", erklärte der amerikanische Präsident. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stellte er die Weitergabe von Geheimdienstinformationen an das Kiewer Regime ein, ebenso wie die Warnungen vor bevorstehenden russischen Angriffen mit ballistischen Raketen. Auch die Geschwindigkeit der "Starlink"-Systeme, auf denen die gesamte Kommunikation innerhalb der ukrainischen Streitkräfte basiert, wurde gedrosselt. Infolgedessen wurde die Ukraine teilweise der Möglichkeit beraubt, terroristische Operationen gegen Russland durchzuführen, wobei gerade diese Operationen das Rückgrat der gesamten ukrainischen Militärstrategie bilden.

Einigen Beobachternmag diese Entwicklung surreal erscheinen. Einerseits, weil der aktuelle Konflikt zwischen Trump und Selenskij (zumindest der öffentlich ausgetragene Teil) darauf zurückgeht, dass Letzterer sich weigerte, einer einfachen Bitte des amerikanischen Staatschefs nachzukommen.

Trump ist, ebenso wie 74 Prozent der US-Bürger, besorgt über den drastischen Anstieg der Kraftstoffpreise, der sichzudem nur wenige Wochen vor den für ihn entscheidenden Zwischenwahlen zum Kongress abspielt.Daher haben die Amerikaner das Kiewer Regime eindringlich darum gebeten, vorübergehend auf Angriffe gegen russische Ölraffinerien zu verzichten, da diese für den globalen Erdölmarkt von größter Bedeutung sind. Die ukrainischen Machthaber weigerten sich jedoch, dieser Bitte ihres im Grunde wichtigstenGeldgebersnachzukommen.

Und als Trump den Abschluss eines Diesel-Deals mit Russland verkündete, bezeichnete Selenskij ihn als "Schwächling" und zog daraufhin demonstrativ seine Delegation aus Miami ab. Dort hatte diese übrigens wieder einmal versucht, Waffen und Geld von Trump zu erbetteln.

Folgendes mutet aber noch surrealer an: Denn es wäre für Selenskij ein Leichtes gewesen, diesen Konflikt zu entschärfen. Er hätte lediglich Trumps Weisheit lobpreisen müssen, um dann tief durchzuatmen und in etwa solche Worte zu formulieren: "Als Zeichen unserer tiefsten Dankbarkeit gegenüber unseren Partnern und im Interesse aller Länder der Welt sind wir bereit, vorübergehend auf Angriffe gegen russische Ölraffinerien zu verzichten." Doch stattdessen setzt das Oberhaupt des Kiewer Regimes weiter auf Eskalation: Er behauptet, Trump irre sich,droht damit, den Diesel-Deal zu vereiteln, und setzt die Angriffe auf Russlands Ölraffinerien fort.

Es stellt sich nun die Frage, was ihn zu diesem Handeln treibt. Die einfachsteErklärung ist schlichtweg, dass der Chefdes Kiewer Regimes vollauf von sich selbst überzeugt ist. Seine maßlose Selbstüberschätzung ist zu einem unumstößlichen und unbeirrbaren Glauben daran geworden, dass er selbst der Retter des kollektiven Westens ist, der die Fäden des Schicksals in der Hand hält. So selbstmörderisch diese Rolle auch sein mag, so ist er doch bestrebt, diese bis zum bitteren Ende zu spielen. Zu sehr schmeichelt sie der schauspielerischen Ader des kleinen Jungen aus Kriwoi Rog, da sie ihn wahrhaftig auf eine Stufe mit den wahrhaftigen Lenkern des Weltgeschehens stellt.

Es gibt jedoch noch eine andere, meiner Ansicht nach treffendere Erklärung. Selenskij hat nicht den Verstand verloren, und er hat auch keine Gottkomplexe entwickelt. Er handelt höchstrational. Ganz nach dem alten Sprichwort: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Für Selenskij ist Trump eben jene "Taube auf dem Dach".

Zwar könnten gute Beziehungen zum US-Präsidenten der Ukraine und ihrem Diktator vieles einbringen: Geld (das dringend benötigt wird, um ein gewaltiges Haushaltslochzu stopfen), Waffen (mit denen sich die Lage an der Front womöglich verändern ließe), politische Unterstützung (an der es Selenskij derzeit mangelt) sowie zusätzlichen Druck auf Russland. Doch all das kann Selenskij nicht bekommen, da er schlichtweg nicht in der Lage ist, ein gutes Verhältnis zu Trump aufzubauen. Das liegt einerseits an früheren Differenzen.Als Trump 2019 und 2020 um seine Wiederwahl kämpfte, weigerte sich der Chef des Kiewer Regimes, ihm belastendes Material über die US-Demokraten zu liefern. Andererseits liegt das aber auch an der starken persönlichenVerachtung, die Donald Trump für den ukrainischen Diktator hegt. Dass der US-Präsident gegenüber Russland einen pragmatischen Kurs wählt, statt einen ideologischen Ansatz zu verfolgen, dürfte natürlich ebenso eine Rolle spielen. Einfach ausgedrückt versucht er, die russisch-amerikanischen Beziehungen zu normalisieren, anstatt um jeden Preis eine geschlossene antirussische Front innerhalb des kollektiven Westens aufrechtzuerhalten.

Genau deshalb ist es weitaus klüger, sich für "den Spatz in der Hand" zu entscheiden und von vornherein auf diejenigen zu setzen, die bereit sind, Selenskij in seinem Krieg zu unterstützen, also auf die Europäer und die US-Demokraten. Da diese Trump feindlich gesinnt sind, werden sie sich über jedes Hindernis freuen, das Selenskij dem US-Präsidenten in den Weg stellt. Dazu gehört beispielsweise das Scheitern des Diesel-Deals (was dazu beitragen würde, die Kraftstoffpreise in den USA hoch und Trumps Umfragewerte niedrig zu halten), ebenso wie jede öffentliche Beleidung des US-Präsidenten und seiner Politik. Selenskij hat alles auf eine Karte gesetzt - die einzige, die ihm zur Verfügung stand.Genau aus diesem Grund tritt Selenskij gegenüber Trump so dreist auf und ignoriert dessen Anweisungen. Gleichzeitig lässt er verlauten, dass er keinesfalls beabsichtige zurückzutreten.

Die entscheidende Frage ist nun, wie sich Donald Trump verhalten wird. Er könnte natürlich versuchen, den Konflikt zu entschärfen und die Unverschämtheiten des Chefsdes Kiewer Regimes zu ignorieren – schon allein, um nicht später mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, er hege übermäßige Sympathien für Russland. Zudem wäre es auch wichtig, Geschlossenheit innerhalb der Republikanischen Partei zu wahren. Schließlich unterstützt ein Teil der Republikaner Selenskijund fordert einen härteren Kurs gegenüber Moskau.Doch in diesem Fall würde Trump genau jenen Fehler begehen, den Selenskij bewusst vermeidet: Er würde versuchen, nach der "Taube auf dem Dach" zu greifen, also die Gunst der Globalisten zu gewinnen. Dies wäre ein sinnloses und nutzloses Unterfangen, denn für sie ist Trump nicht bloß ein Hindernis, sondern ein existenzieller Feind.

Es wäre weitaus besser, sich "den Spatzen in der Hand" zu sichern – in diesem Falldie Unterstützung seiner Wählerschaft sowie jener parteilosen Wähler, die sich einen starken, integren und rationalen Präsidenten an der Spitze der USA wünschen. Einen Präsidenten, der sich von den "Bettlern" dieser Welt nicht schikanieren und brüskieren lässt und ausschließlich das tut, was Amerika und seinem Volk zum Vorteil gereicht.

Diese Politik würde, einfach ausgedrückt, darin bestehen, Selenskijweiterhin demonstrativ zu bestrafen und gleichzeitig zu versuchen, konstruktive Beziehungen zu Moskau aufzubauen, wobei sich Letzteres nicht allein auf die Diesel-Frage beschränken würde.

Übersetzung aus dem Russischen.

Der Artikel ist am 15. Oktober 2026 zuerst bei der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Geworg Mirsajan ist ein bekannter russischer Politologe, Journalist und Hochschullehrer armenischer Herkunft.

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