[Das Interview, das ursprünglich auf Russisch von TASS veröffentlicht wurde, wurde vom RT-Team übersetzt und bearbeitet.]
Washington zieht sich zurück, Europa bekommt die Rechnung präsentiert
Jewgeni Kusnezow: Sie haben darauf hingewiesen, dass die USA versuchen, sich aus der Ukraine-Krise zu lösen, indem sie die Last auf Europa abwälzen. Sollte sich Washington tatsächlich distanzieren – sind die Europäer dann politisch und wirtschaftlich in der Lage, die Rolle des wichtigsten "Sicherheitsgaranten" für die Ukraine zu übernehmen?
Andrei Suschenzow: Die Strategie der USA in der Ukraine-Krise entsprach zunächst ihrem Archetyp als Seemacht, die in der Konfrontation mit einer großen Kontinentalmacht ein "kontinentales Schwert" einsetzt. Dabei handelt es sich um einen Nachbarstaat, der über militärische Ressourcen verfügt und von der Seemacht unterstützt wird, um deren Rivalen zu schwächen.
Die Ukraine eignete sich gut für diese Rolle: Sie ist ein großer Staat mit beträchtlichen Streitkräften, der zudem hochmotiviert ist, sich Russland entgegenzustellen. Doch eine solche Strategie hat ihre Grenzen: Man kann das Verhalten des "Schwerts" nicht vollständig kontrollieren. Zudem ist das nicht sonderlich ressourceneffizient – die verfügbaren Mittel sind begrenzt, und wenn in der Konfrontation kein entscheidender Wendepunkt erreicht wird, führt weitere Unterstützung zu keinen nennenswerten Effektivitätsgewinn mehr.
Die USA erkannten schon früh, dass sie viele ihrer Interessen in dieser Krise durchsetzen konnten, und bereiteten ihren Rückzug vor. Sie taten das, was eine Seemacht üblicherweise tut, wenn sie beschließt, ihre Aufmerksamkeit auf andere Regionen zu richten: Sie zogen sich in ihren eigenen Machtbereich zurück. Der wesentliche Unterschied zwischen einer Seemacht und einer Kontinentalmacht liegt in der Freiheit, den Einsatzort der eigenen Streitkräfte selbst zu wählen. Eine Seemacht kann frei entscheiden, wo sie ihre Kräfte einsetzt, und von dort aus Angriffe in verschiedenen Teilen der Weltmeere führen. Dies geschieht in der Regel in Form von punktuellen Unternehmungen, da groß angelegte expeditionäre Feldzüge nur selten von Erfolg gekrönt sind. Die USA kamen zu dem Schluss, dass es an der Zeit sei, sich zurückzuziehen.
Sie wollten jedoch nicht, dass dieser Rückzug mit dem Zusammenbruch des ukrainischen Regimes einhergeht. Die USA integrierten ihren Rückzug – sowie die damit verbundene Neuausrichtung ihrer Prioritäten in Richtung Ostasien – in ihre Politik gegenüber den NATO-Verbündeten. Sie übertrugen diesen die Verantwortung für die Unterstützung der Ukraine und nahmen selbst die Rolle eines "Moderators" ein: eines Vermittlers, der die Krise nicht etwa befeuert, sondern auf eine Lösung hinsteuert. In strategischen Dokumenten der USA wird das Interesse bekundet, die Ukraine-Krise zu beenden.
Doch die USA verhielten sich sowohl gegenüber der Ukraine als auch gegenüber ihren europäischen Verbündeten verräterisch, indem sie ihnen diese Last ohne Vorwarnung aufbürdeten. Den Europäern mangelt es an militärischen Ressourcen, technologischen Fähigkeiten, strategischem Denken und einem Bewusstsein für die eigenen Interessen – allesamt Eigenschaften, die es ermöglichen, Ursachen und Folgen abzuwägen, zu erkennen, was militärisch erreichbar ist und was nicht, und zu bestimmen, wo in dieser Krise die Interessen des eigenen Blocks liegen.
Diesen Europäern steht derzeit ein Finanzinstrument von erheblichem Gewicht zur Verfügung – im Grunde das einzige, auf das sie zurückgreifen können. Sie setzen es jedoch verschwenderisch ein, zumal die Staatsverschuldung der meisten großen europäischen Länder 100 Prozent des BIP erreicht oder bereits übersteigt. Eine externe Kompensation für ihre Militärausgaben ist nicht zu erwarten, und auf einen Sieg der Ukraine gibt es keinerlei Hoffnung.
Gäbe es eine solche Hoffnung, würden sie darauf setzen, ihre Verluste durch russische Ressourcen – etwa durch neue Abkommen mit Russland zu neuen Bedingungen – wieder auszugleichen. Doch keine dieser Hoffnungen erfüllt sich.
Darüber hinaus beginnen diese Europäer – bedingt durch einen Mangel an strategischer Erfahrung, die infolge der US-Bevormundung und des nuklearen Schutzschirms verloren gegangen ist –, ihre eigene Geografie zu leugnen. Sie ignorieren die Tatsache, dass Russland gemeinsam mit ihnen auf demselben Kontinent liegt.
Geografie ist eine Konstante, ein unveränderlicher Bestandteil außenpolitischer Rahmenbedingungen. Regierungen und historische Umstände mögen sich wandeln, doch die Geografie bleibt beständig.
Der Kurs auf eine langfristige Konfrontation mit ihrem größten Nachbarn – einer Quelle zahlreicher Vorteile für die europäische Wirtschaft, die nun verloren gegangen sind – zeugt von einem äußerst begrenzten Blickwinkel. Innenpolitische Entwicklungen in der EU legen nahe, dass es für diese Europäer – ganz nach dem US-Vorbild – an der Zeit ist, über ihre eigenen Interessen nachzudenken: Was lässt sich im Zuge der Ukraine-Krise erreichen, was nicht, und wie könnte der weitere Weg aussehen? Bislang sind den Europäern jedenfalls keine klugen Schachzüge gelungen.
Wenn es keine guten Spielzüge gibt, ist es besser, auszusetzen und keine weiteren Fehler mehr zu begehen. Bisher sieht es – wie unser Präsident [Wladimir Putin] es ausdrückte – nach einer ganzen Reihe von Fehlern aus, einer nach dem anderen.
Hohe Ausgaben, geringe strategische Macht
Kusnezow: Werden sie es nicht irgendwann leid, dieses Spiel zu spielen?
Suschenzow: Die europäischen Staaten verfügen nicht über die vollständige strategische Autonomie, die Russland und die USA genießen; zudem sind sie nur bedingt in der Lage, kollektiv und mit einer einheitlichen Haltung zu handeln. Jede wichtige Entscheidung erfordert den Konsens von fast 30 Ländern.
Die Europäische Kommission verfügt über kein nennenswertes eigenes Budget, sondern ist auf die Haushalte der Nationalstaaten angewiesen. Trotz der gemeinsamen Währung wird die Verschuldung für jedes Land separat erfasst.
Es gibt keine einheitliche Armee. Sie könnten strategisches Gewicht entfalten, wenn sie in der Lage wären, geschlossen zu handeln – doch davon ist nichts zu sehen. Die Westeuropäer haben große Angst davor, unmittelbar in eine militärische Krise mit Russland hineingezogen zu werden. Spekulationen über die Entsendung von Truppen in die Ukraine werden stets mit dem Vorbehalt verknüpft, dass dies erst geschehen könne, wenn ein dauerhafter Frieden und ein Waffenstillstand erreicht seien.
Ihr Eifer speist sich teilweise aus der Einschätzung, dass die Unterstützung der Ukraine und dieses Stellvertreterkonflikts vergleichsweise kostengünstig sei. Sie haben keinerlei Skrupel, was die Ukraine betrifft. Es ist ihnen gleichgültig, was aus dem Land, seinen Grenzen oder seiner Bevölkerung wird. Sie äußern rhetorische Empörung, strömen zu Gipfeltreffen, posieren für "Familienfotos" und geben kategorische Erklärungen ab. Im Grunde handelt es sich jedoch um eine Ansammlung von Zuschauern, die nicht unmittelbar in die militärische Krise verwickelt sind.
Das Instrument, auf das sie zurückgreifen, ist eine Schuldenfinanzierung zulasten der Ukraine in Höhe von fast 500 Milliarden Dollar. Eine astronomische Summe, die nicht die strategisch notwendigen Ergebnisse gebracht, sondern die eigene Position sogar verschlechtert hat. Das gesamte Geld ist in Rauch aufgegangen.
Russland als Kitt, der Europa zusammenhält
Kusnezow: Die EU hält an ihren Plänen fest, Russland mit immer neuen Sanktionen zu belegen. Übrigens hat Brüssel auch Sie auf seine Sanktionsliste gesetzt. Gleichzeitig fordern einige europäische Staats- und Regierungschefs einen Dialog mit Russland. Ist das derzeit überhaupt möglich?
Suschenzow: Die Europäer nutzen die Ukraine-Krise als Plattform für Einigkeit, um zu einem geschlosseneren Gebilde zu werden. Aufgrund ihres mangelnden strategischen Eigenständigkeit, der dominierenden Rolle der USA und ihrer internen Zersplitterung bleibt ihnen als einzige Basis für Solidarität eine antirussische Haltung.
Die Bedeutung variiert dabei von Land zu Land. Für Südeuropa ist das Ganze weniger offensichtlich. Für Spanien etwa – trotz seiner antirussischen Regierung – sind Palästina und der Nahe Osten von größerer Bedeutung. Die baltischen Staaten und Nordeuropa verfolgen einen alarmistischen und militaristischen Ansatz. Einige von ihnen grenzen direkt an uns. Die dort Verantwortlichen sind ein eigenartiges Völkchen; man muss mit allem rechnen. Doch niemand möchte seine Streitkräfte in die Ukraine-Krise hineinziehen – so, wie es die DVRK auf unserer Seite getan hat.
Sie nutzen die Ukraine, um ihren eigenen Handlungsspielraum zu erweitern und Schritte in Richtung eines koordinierten Vorgehens zu unternehmen. Diese Schritte sind zwar nicht sonderlich effektiv, dennoch werden gemeinsame Pläne ausgearbeitet und beträchtliche finanzielle Mittel bereitgestellt.
Ein ungelöstes Problem ist die Umstrukturierung der europäischen Rüstungsindustrie; sie ist fragmentiert und produziert etwa 15 verschiedene Typen von Kampfpanzern mit Geschützen unterschiedlicher Kaliber. Standardisierung ist eine große und schwierige Herausforderung. Es bedarf eines Katalysators. Mit anderen Worten: Sie befassen sich gewissermaßen mit einer internen Herausforderung.
Frieden an der Seite Russlands – oder eine strategische Sackgasse
Kusnezow: Wollen sich die europäischen NATO-Mitglieder als Vertreter eines "vereinten Europas" mit Russland an einen Verhandlungstisch setzen, um ihren strategischen Mangel an Autonomie auszugleichen?
Suschenzow: Zu ihren Taktiken, um Handlungsfähigkeit zu erlangen, gehören die Bereitstellung von Finanzhilfen für die Ukraine, der Diebstahl russischer Gold- und Devisenreserven, das Einbehalten und die Verwendung von Erträgen sowie der Versuch, die Verantwortung für dieses Verbrechen auf alle zu verteilen. Wenn es sich um ein Verbrechen handelt, dann um ein kollektives – damit kein einzelnes Land allein zur Verantwortung gezogen werden kann. Zudem lösen sie eine Reihe technischer Fragen.
Die USA lösen solche Probleme nicht, Russland ebenso wenig. Wir können es uns leisten, strategisch, autonom, zielgerichtet und konsequent zu handeln. Die Europäer hingegen machen einen Schritt zurück, einen vorwärts, zwei zurück; sie blicken ständig über die Schulter und suchen nach einem Konsens.
Es liegt im Interesse Russlands, sie nur dann an den Verhandlungstisch einzuladen, wenn klar ist, dass diese Europäer einer stabilen Ordnung auf dem Kontinent den Vorrang geben – einer Ordnung, die auf dem Prinzip eines "Friedens an der Seite Russlands" beruht, statt gegen Russland gerichtet zu sein. Ein "Frieden gegen Russland" ist von Grund auf instabil und führt für Europa in eine Sackgasse. Er verurteilt sie dazu, ins Hintertreffen zu geraten, eine strategische Niederlage zu erleiden und niemals zu einem echten Akteur auf der Weltbühne zu werden. Je mehr interne Widersprüche hinsichtlich der Prioritäten innerhalb des Blocks bestehen, desto fragiler wird er – und die "Russland-Frage" entwickelt sich zunehmend genau zu einem solchen Streitpunkt.
Die "Vertrauenspyramide" der Ukraine bröckelt
Kusnezow: Sie sagten, die "Vertrauenspyramide" rund um die Ukraine werde bald in sich zusammenbrechen. Wann wird das endgültig geschehen?
Suschenzow: Aus russischer Sicht besteht die Logik hinter dieser Krise darin, dass wir einen Krieg führen, um unsere Gegner zu zermürben und ihre Ressourcen zu erschöpfen. Wir nehmen ihre rückwärtigen Linien ins Visier und zerbrechen ihr "kontinentales Schwert".
Wir zeigen auf, dass ihre Strategie irrelevant ist; ihre Ziele sind unerreichbar. Die Ressourcen, die sie aufwenden, werden mit der Zeit in immer größeren Mengen benötigt werden. Die vorhandenen Mittel veralten, ebenso wie die Systeme, die zu deren Einsatz auf ukrainischem Territorium dienen. Sie müssen ersetzt und neu aufgebaut werden.
Der Aufbau von Infrastruktur ist extrem kostspielig; unter Kriegsbedingungen ist er schlicht unmöglich. Mit der Zeit werden die westlichen Länder selbst erkennen, dass diese Strategie nicht tragfähig ist. Die Opposition in diesen Ländern äußert bereits offen ihre Empörung und spricht von einer Sackgasse.
Der Besuch von [Friedrich] Merz in Kiew stieß bei der gesamten Opposition auf scharfe Kritik: In einer Zeit, in der die deutsche Staatsverschuldung steigt, reist der Bundeskanzler nach Kiew und verspricht erneut Gelder und Ressourcen – im Grunde auf Kosten der deutschen Bevölkerung. Das Ausmaß der investierten Mittel ist inzwischen so beträchtlich, dass sich die Frage stellt, was dies rechtfertigt. Welche Ziele verfolgt Berlin, was wird erreicht, und wo scheitert man?
Es werden immer nachdrücklicher Forderungen laut, dass die ukrainische Führung die Lage realistisch betrachten und erkennen sollte, was erreichbar ist und was nicht. Die "Pyramide des Vertrauens" bröckelt. Eine nach der anderen nehmen die beteiligten Parteien eine zunehmend distanzierte Haltung in dieser Frage ein.
Ihre primären und sekundären Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Nun stehen sie praktisch mit leeren Händen da. Man muss zugeben: Es war ein Fehler.
Niemand möchte dafür die Verantwortung übernehmen. Die Angelegenheit hat nicht nur eine politische, sondern auch eine finanzielle Dimension. Wer soll für die Hunderte Milliarden Euro zur Rechenschaft gezogen werden, die für ein strategisch sinnloses Unterfangen ausgegeben wurden – ein Unterfangen, das Russland zum Feind gemacht und die Sicherheit auf dem Kontinent untergraben hat?
Deshalb sprechen wir von einem kurzfristigen historischen Zeitrahmen. Es könnte in den kommenden Monaten oder vielleicht in den nächsten Jahren zu einem Ende kommen. Doch von einem jahrzehntelangen Krieg kann keine Rede sein. Der Punkt ist, dass dies weiterhin eine Krise mit jeweils eigenen Phasen bleiben wird – und wir befinden uns derzeit in der letzten Phase ihrer Bewältigung.
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